Unwirkliche Orte

Das Projekt memoria21 auf dem Weg an Orte nationalsozialistischer Vernichtung in Polen


Im Herbst 2012 haben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Pädagogischen Hochschule Weingarten im Rahmen des Projekts memoria21 auf den Weg nach Israel begeben, um auf Zeitzeugen des Holocaust zu treffen. Darüber hinaus fand u. a. durch das Kennenlernen der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte Yad Vashem eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Formen des Erinnerns statt.

Mit diesen eindrücklichen Erfahrungen ‚im Gepäck‘, war die Reise nach Polen im Mai diesen Jahres nur die konsequente Fortsetzung der Israelreise. Im Rahmen einer ERASMUS-Gastdozentur an der Universität von Lodz, war es auch der Weg zu Orten der Vernichtung – wirkliche - unwirkliche Orte u. a. in Warschau/ Warszawa, Lodz/ Łódź und Auschwitz/ Oświęcim.

Nicht mehr existent und somit in unserer Gegenwart unwirklich, ist das Gelände des Ghettos von Warschau, das sich – 1940 beginnend – zum größten nationalsozialistischen Sammellager von Juden entwickelt hat. Heute führt der Weg entlang sozialistische Wohnarchitektur nur noch zu einzelnen Orten der Erinnerung. Für die deutsch-polnische Versöhnung war Willy Brandts Kniefall am Denkmal der Helden des Ghettos-Aufstands ein bedeutendes Signal.

Lediglich zwei Reste der das Ghetto umgebenden Mauer erinnern als verborgene Zeitzeugen. Besonders eindrücklich ist die aktuelle Freilichtausstellung mit Bildern der wieder nach Polen zurückgekehrten Ausstellung ‚Und immer noch sehe ich ihre Gesichter‘ (polnisch-amerikanische Stiftung Schalom), die an einem der wenigen erhaltenen Altstadtgebäude Bilder von Jüdinnen, Juden und jüdischen Leben aus der Vorkriegszeit zeigt.

Gleichermaßen in der Realität kaum noch existent ist das Gelände des ehemaligen Ghettos von Lodz (‚Litzmannstadt‘). Nur der Ort der Deportation, der ehemalige Bahnhof Radegast, versucht mit Dokumentation, Kunst und authentischen Exponaten, die Geschichte dieses Ortes in unsere Gegenwart zu übertragen. Da stehen sie im Original: die Güterwagons der Deutschen Reichsbahn, mit denen die Menschen in den Osten deportiert wurden. Der Ort ist museal – der Versuch einer Vorstellung von Leid und Atmosphäre kann auch hier nur ein Versuch bleiben.

Der Ort mit sicherlich dem stärksten Symbolcharakter in der Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust ist das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz – mit dem Stammlager sowie den Außenlagern Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz. Der Besuch der Gedenkstätte ist aktuell nur noch in Rahmen von Führungen möglich, um Besucherströme von über eine Million Menschen im Jahr zu steuern. Nicht einfach auszuhalten, aber Auschwitz, gelegen in der Nähe von Krakau, ist eine touristische Attraktion geworden.

In den ehemaligen Häftlingsunterkünften des Stammlagers führt der Weg durch eine Ausstellung, die versucht, die Geschehnisse im Außenlager Auschwitz-Birkenau zu dokumentieren. Insbesondere die - heute noch weitestgehend erhaltene - von überlebenden Häftlingen unmittelbar nach der Befreiung konzipierte Ausstellungsform dokumentiert das Geschehen in gleichem Maße wie sie auch als historisches Dokument fungiert.

Das Außenlager Auschwitz-Birkenau liegt drei Kilometer außerhalb vom Stammlager entfernt. Die im Stammlager durch die Backsteingebäude erhaltene Realität bricht hier auf, und das subjektive Erinnern muss sich seine(n) Ort(e) suchen. Wenige der ehemaligen Häftlingsbaracken aus Holz oder Stein sind erhalten; die Anlagen der vier Krematorien wurden vor dem Eintreffen der Sowjetarmee zurückgebaut und gesprengt; die von den zerstörten Häftlingsunterkünfte erhaltenen Schornsteine skelettieren das Gelände auf eine besondere Art und Weise.

Auschwitz-Birkenau ist groß. Die Dimensionen des Geländes sind wieder nur ein Impuls für einen Versuch einer Erinnerung, einer Vorstellung. Dieser Ort ist so real und so unwirklich zugleich.